Geschichte und Sehenswürdigkeiten
Das Erste, was einem an Barolo auffällt ist, dass die Gemeinde nicht wie die benachbarten Orte auf einer Erhebung oder entlang eines Hügelrückens liegt. Barolo befindet sich inmitten eines Tals auf einem sanften Geländesporn, die Hügel ringsherum umgeben den Ort wie ein Amphitheater.
Es gibt keine genauen Angaben über die Entstehung von Barolo. Obwohl schon in prä- und frühhistorischer Zeit keltisch-ligurische Stämme die Gegend durchquerten, welche später von den Römern beherrscht wurde, scheint die erste Besiedlung barbarischen Ursprungs aus dem Frühmittelalter zu sein.
Es gibt verschiedene etymologische Erklärungen für den Namen Barolo. Die Glaubhafteste geht zurück auf das keltische „bas reul“, was tiefliegender Ort bedeutet. Im 13. Jahrhundert wird der Ort im Gemeinderegister von Alba („Rigestum Comunis Albe“) unter dem Namen Villa Barogly geführt, im 17. Jahrhundert in den Versionen Barrolo und Barollo.
Während der Herrschaft der Langobarden wurde Barolo durch den Statthalter von Diano verwaltet, um später unter Karl dem Großen erst zur Grafschaft von Alba und dann zum Kreis Turin gezählt zu werden. In diese Zeit fällt auch die Errichtung des ursprünglichen Schlosskerns durch Berengario I, zur Verteidigung gegen die, fast ein Jahrhundert andauernden, Streifzüge der Sarazenen. Bis zum Jahr 1250, in welchem die mächtige Bankier-Familie Falletti die gesamten Ländereien Barolos ersteht, wechselt der Ort mehrfach seinen Besitzer; Inbesitznahmen von Land (mehr oder weniger friedlich) und die damit verbundenen Parzellierungen, sind in dieser Zeit an der Tagesordnung. Das letzte Mal vor dem Auftreten der Falletti wechselt Barolo 1233 die Seite, womit der Ort wieder in den Besitz der Gemeinde Alba übergeht.
Die Falletti, Beispiel des aufkommenden Bürgertums ohne adlige Herkunft, beeinflussen das Schicksal Barolos und der Umgebung über mehrere Jahrhunderte. Dank ihrer großen wirtschaftlichen Stärke kontrollieren sie um 1300 n. Chr. fast fünfzig piemontesische Großgrundgüter. Im Jahr 1486 wird Barolo Teil des Staates Monferrino. Ab 1631, nach dem Vertrag von Cherasco durch Herzog Vittorio Amedeo I., zählt es zum Haus Savoyen.
In der Zwischenzeit erleidet Barolo mehrere zerstörerische Überfälle während der Kriege um die europäische Vorherrschaft, die schwerwiegendsten durch die Franzosen im Krieg gegen die Spanier.
Anfang des 17. Jahrhunderts wird Barolo zur Grafschaft. Im Jahr 1730 dann zur Markgrafschaft unter Gerolamo IV als erstem Markgrafen; ein Mann der Kriegskunst mit vielen Kampfauszeichnungen geehrt, der 1731 zum Vizekönig Sardiniens und zum Generalhauptmann ernannt wird.
Lassen wir für einen Moment die Familiensaga der Falletti beiseite, um auf die Weinbaukultur in der Geschichte Barolos einzugehen. Ohne Frage hat der Anbau von Wein in Barolo und Umgebung eine lange und gut dokumentierte Tradition, festgehalten in den Statuten der Gemeinde. Eine öffentliche Bekanntmachung aus dem Jahr 1674 sieht zum Beispiel schwere Strafen für denjenigen vor – Mensch oder Tier gleichermaßen -, der die Rebstöcke verletzt oder Trauben stiehlt. Der Beginn der Weinernte wurde per Dekret festgelegt, Zuwiderhandlungen wurden schwer bestraft.
Kehren wir zu den Falletti und Gerolamo IV zurück, dessen militärische Erfolge sich nicht auf sein Familienglück abfärben. Im Jahr 1695 heiratet er Elena Matilde Provana di Druent, einzige Tochter von Monssù Druent, welcher allgemein als herrisch und launisch bekannt und in komplizierte Intrigen am Hof des Königs verwickelt ist. Es dauert nicht lang, bis sich sein Charakter offenbart: im Jahr 1700, nach nur 5 Ehejahren, sperrt er seine Tochter aus einer Laune heraus im Palast Druent in Turin ein und verbietet ihr jeglichen Umgang mit ihrem Gatten. Von ihrem Mann und den drei Kindern, in glücklicher Ehe entstanden, getrennt, nimmt sie sich nach einigen Tagen das Leben. Später, nach dem Tod des Vaters, letzter Angehörige des Geschlechts, erbt Gerolamo IV sämtliche Güter, sowie den Palast, heute bekannt als Palazzo Barolo.
Gerolamo IV folgen noch zwei weitere Markgrafen: Ottavio Alessandro Falletti, von lebhafter Intelligenz und eher dem Studium, als einer militärischen oder politischen Laufbahn zugeneigt, sowie Carlo Tancredi. Auch dieser ist eher den Schriften zugewandt, aber vor allem wird er bekannt durch seine Wohltätigkeit. Eine Wesensart, die auch seiner Frau Juliette Colbert inne ist, Französin und Urenkelin des berühmten Finanzministers des Sonnenkönigs. Tancredi wird Staatsrat, brillanter Administrator und zweifacher Bürgermeister von Turin. Mit einem, für die Zeit, innovativen Programm setzt er sich für die Bedürftigen ein. Seine Großherzigkeit führt zu einem frühen Tod; der Cholera-Epidemie von 1835 kommt er zwar mit dem Leben davon, allerdings so geschwächt, dass er drei Jahre darauf stirbt. Den letzten Abschnitt der Familiengeschichte der Falletti schreibt daher seine Frau, Juliette Colbert, Markgräfin Falletti. Sie schreibt außerdem einen wichtigen Teil der Geschichte des Barolo-Weins. Juliette Colbert ist eine hochgebildete und kultivierte Frau und bezeichnet sich selbst gerne als „Vandeana“ (aus dem Vendée stammend). Sie fällt durch ihre glänzenden und subtilen Gedankengänge auf, gewürzt mit einem Schuss Impulsivität, was sie oft in schwierige Diskussionen bringt, ihr aber auch erlaubt, sich für die Schwächsten einzusetzen, sehr zum Misswillen des Establishments. Über fünfzig Jahre hinweg beeinflusst diese Frau der Tat das intellektuelle und politische Geschehen und revolutioniert den Weinbau. Noch vor ihrem Tod im Jahr 1864 legt sie fest, dass ihre Arbeit als Wohltäterin von der Stiftung Opera Pia Barolo weitergeführt wird, welcher sie das gesamte Familienvermögen vermacht.
Die Geschichte geht aber noch weiter. Barolo geht in den folgenden Jahren durch Höhen und Tiefen und mit dem Ort auch der Weinbau. Wie auch in anderen Gegenden haben die Bauern unter harten Bedingungen zu kämpfen, viele geben auf und verlassen ihr Land. Auch die Reblaus trägt mit verheerenden Folgen ihren Teil dazu bei. Die Jahre nach dem 2. Weltkrieg sind nicht weniger hart und werden von dem großen Schriftsteller Beppe Fenoglio in bewegender Weise als die Jahre des Verderbens (La Malora) beschrieben. Bis in die 60er Jahre hinein folgt eine Phase der Abwanderung in Richtung Stadt, geprägt von der Hoffnung auf eine sichere Arbeit und ein Leben frei von Zwängen. Weitere Höfe und Länderein werden verlassen und verfallen, allerdings weniger als in der Alta Langa und anderen Regionen des Piemont. In der heutigen Zeit lässt sich ein gegenteiliges Phänomen beobachten: Junge Menschen entschließen sich aus Überzeugung dafür, Winzer zu werden - eine Entscheidung, die sicherlich auch durch die Weinbauschule in Alba (Scuola Enologica di Alba) beeinflusst ist. Weniger Junge kehren in ihre Weinhänge zurück. Dies alles resultiert aus dem neu erwachten Interesse für den Wein und durch seine interessante Ertragsfähigkeit.
Heute ist Barolo in jedem Sinne ein Ort des Weins: Auf Schritt und Tritt spürt man seine Gegenwart. Der Barolo Wein verwandelt seine Geburtsstadt in eine Art „heiligen Ort“, den die Anhänger dieses heidnischen Kults von Zeit zu Zeit durch eine „Pilgerreise“ ehren sollten.
Diese Hoffnung hat sich in den letzten Jahren in Wirklichkeit gewandelt, der Tourismus fasst langsam Fuß und verhilft der heimischen Wirtschaft zu einer wichtigen Einnahmequelle. Die Einwohner aber bringt dies weder aus ihrer bezeichnenden Ruhe, noch wird der typische Lebensrhythmus geändert. Wundern Sie sich also nicht, wenn Barolo, im Gegensatz zu anderen Orten, die wie über Nacht für ihren Wein bekannt wurden, immer noch von den Gewohnheiten seiner Einwohner gelenkt wird. Spüren werden Sie unter Umständen diese Ruhe, wenn Sie in der Bäckerei oder Apotheke einige Minuten warten müssen, weil die Person vor Ihnen noch eben die News über die Gesundheit eines Familienangehörigen verbreiten muss. Werden Sie nicht ungeduldig in solch einem Fall, sondern tauchen Sie ein in den sanften Rhythmus. So sanft wie die Hügel, die diesen magischen Ort umgeben.
















